Das Potential von Kunst und Krise

Aus dem Interview mit Simon Critchley, Philosophieprofessor an der New School for Social Research in New York:

„Ich möchte nicht apokalyptisch klingen, aber ich sehe ein einzigartiges Potential für sozialen Aufruhr, der jedoch in die richtigen Bahnen gelenkt werden muss. Vielleicht wird er das nicht —vielleicht erleben wir ethnische Unruhen, Hass gegen Immigranten, Ausländer, etc. Ich beobachte die Situation in Osteuropa sehr genau.

Es wird sehr interessant, wie die Menschen dort auf die Lügen reagieren, die man ihnen so lange aufgetischt hat, auch mit Blick auf die EU. Aber auch in Ländern wie Frankreich, Deutschland, Italien, wo Widerstand und Opposition eine lange Tradition haben. Ich denke die Regierungen fürchten sich bereits insgeheim. Es gibt bereits jetzt zu viele Arbeitslose, die Politiker bekommen die Rezession nicht in den Griff und die Maßnahmen, die sie ergriffen haben, wirken noch nicht, vielleicht wirken sie auch gar nicht mehr. Das könnte zu massiven sozialen Unruhen führen.

Würdest du das denn gerne erleben?

Von meinem politischen Standpunkt her bin ich Anarchist. Ich denke, das Menschen, wenn sie frei von staatlicher Repression wären, auf der Basis von Kooperation und gegenseitiger Hilfe leben könnten. Ich denke, dass Menschen die natürliche Fähigkeit besitzen, gutes zu tun, dass diese Fähigkeit aber aus historischen und sozialen Gründen unterdrückt wird. Wir leben in einer Welt, die von Dummheit und Bösartigkeit korrumpiert wird.

Der Anarchist in mir sagt, dass die Überwindung der bestehenden Strukturen zu etwas Besserem führen könnte. Ich wünsche mir eine Überwindung der Nationalstaaten und eine wahrhaft föderalistische Politik —selbstverwaltete, kleine Einheiten, Dörfer, Städte. In Westeuropa hängen wir einer Politik an, die seit dem 16. oder 17. Jahrhundert überholt ist—einer Politik des Nationalstaates. Man könnte meinen das dies mit der EU vorbei wäre, aber das ist nicht der Fall. Die Rezession könnte also wirklich interessante Folgen haben. Die Geschichte zeigt uns, dass in Zeiten sozialer Krisen auch große Veränderungen passieren. Aber das können natürlich auch schreckliche Entwicklungen sein. Vielleicht fangen sie wieder an, Minderheiten zu töten, Juden oder Immigranten. Auch das könnte passieren.

(…)

Das klingt nun schon optimistischer—Literatur, Poesie und Kunst können uns zu einer höheren Ebene führen, zu einer unbegrenzten Ethik und einem aktiv betriebenen politischen Anarchismus. Aber es bleibt doch schwer, das mit der Realität zu verbinden, mit diesem allgegenwärtigen Gefühl von Leere und Ziellosigkeit.

Das stimmt. Sehr sogar. Alles spricht dagegen und vermutlich wird Geschichte auch zukünftig von Menschen mit Gewehren gemacht. Aber es braucht nicht viel, um dagegen Widerstand zu leisten. Deswegen beharre ich auf meinem Optimismus. Ich denke, das Übel dieser Welt ist eine soziale und historische Konstruktion. Die Menschen haben es sich selbst zugefügt, durch all die Mechanismen und Institutionen, durch den Staat, die Polizei, das Gesetz.Aber die Menschen wären zu viel mehr in der Lage, wenn sie nur ihre Fantasie bemühen würden.

Und genau das können Kunst, Literatur und Philosophie leisten. Sie können Vorstellungsräume eröffnen, die dich aus dem Schlaf und der Langeweile aufrütteln und andere Welten denkbar machen…“

(Veröffentlicht im Vice Magazin Vol. 5.6, dt., en.)

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