Kleine Geschichte der Informanten (1971-2010)

Whistleblower haben es nicht leicht, damals wie heute! So interessant die Veröffentlichung geheimer Informationen für die einen sein mögen, so gefährlich ist es für die anderen.

Durch politischen Druck und das geschickte Spiel mit den Medien versuchen die Entblößten ihre Schuld zu verdecken, indem sie in den Krieg um Aufmerksamkeit und Verbreitung ziehen. Aktuell kann man dies in der Washington Post beobachten. Marc Thiessen, der damalige Redenschreiber von Bush und Rumsfeld, zieht hier gegen „kriminelle Organisationen“ wie Wikileaks zu Felde. Er schreibt, um Julian Assange, den neuen Staatsfeind Nr. 1 der USA, kaltzustellen, könne das FBI oder der NSA auch auf Nicht-Amerikaner zugreifen, ohne Zustimmung des jeweiligen Aufenthaltslandes und ohne Rücksicht auf die dortige Gesetzeslage. Gruselig…

Diese Spitze der konservativen Meinungsmache wird allerdings noch von dem Abgeordneten Mike Rodgers übertroffen. Der forderte kürzlich sogar die Todesstrafe für Bradley Manning, den Soldaten, der sich als Quelle im Fall „Collateral Murder“ verriet. Auf Nachfrage erklärte ausserdem, dass auch der berühmteste Whistleblower aller Zeiten – Daniel Ellsberg – hätte hingerichtet werden sollen. Zum Glück aber hält der Mann, dessen eigene Moral stärker war als das System, bis heute quicklebendig Vorträge.

Der Dokumentarfilm über die Pentagon-Papiere war 2010 für den Oscar nominiert.

Der damalige Pentagon Mitarbeiter Ellsberg hatte 1971, mitten im Vietnam-Krieg, geheime Pentagon-Papiere an die New York Times gegeben, aus denen klar ersichtlich war, dass die US-Regierung ihre Bevölkerung durch gezielte Irreführung getäuscht hatte. Die Aufdeckung der Lügen, zeigte unter anderem, dass der Krieg schon lange geplant, und die Sicherung der Demokratie nicht das eigentliche Ziel war. Die Veröffentlichung gelang nur gegen den Widerstand der Regierung aufgrund der Entscheidung des höchsten US-Gerichtes und trug neben zahlreichen Kriegsverbrechen und angeblichen Verschwörungen wesentlich zur Beendigung des Krieges bei (Stichworte: Tonkin-Zwischenfall, Agent Orange, My Lai). Damals gab das Weiße Haus der CIA angeblich den Auftrag, Ellsberg anzugreifen, durch heimlich verabreichte Drogen zu diskreditieren oder zu töten. Vor Gericht wurde Ellsberg von den Vorwürfen der Regierung freigesprochen, er symphatisiert heute übrigens offen mit WikiLeaks.

Der Wind bläst Wikileaks und all denen die für freie Meinungsäußerung und politische Transparenz kämpfen also scharf ins Gesicht. Nicht nur hinter den Kulissen, durch die Ermittlungen des CIA und der Lobbyarbeit der konservativen Presse, ist es stürmisch. Auch von offizieller Seite gehts es weiter. Als ersten Schritt hat das Pentagon gerade die Rückgabe und Löschung aller Dokumente gefordert, was sehr wahrscheinlich wohl nicht passieren wird; ausserdem haben sich Tausende Internetbenutzer die Dokumente bereits auf ihre Rechner geladen.

Was ist also der nächste Schritt um Wikileaks für die Zukunft zu schwächen? Was passiert wenn Wikileaks die bisher zurückgehaltenen, angeblich noch brisanteren 15.000 Kriegsdokumente veröffentlicht? Ist es das, was sie als Lebensversicherung in der Hinterhand behalten? Man sollte die Geschichte von 1971 jedenfalls bei den Reden der selbsternannten „Weltpolizei im Kampf gegen Schurkenstaaten auf der Achse des Bösen“ im Hinterkopf behalten. Vielleicht schafft man es, auch mithilfe von Instrumenten wie Wikileaks, mehr Bewusstsein für die wahren Vorgänge zu schaffen, bevor der nächste Krieg beginnt…

Hier noch das Worst-Of aus Thiessens Artikel:

(…) In other words, we do not need permission to apprehend Assange or his co-conspirators anywhere in the world. Arresting Assange would be a major blow to his organization. This should be done, ideally, through international law enforcement cooperation. But if such cooperation is not forthcoming, the United States can and should act alone.

(…) WikiLeaks represents a clear and present danger to the national security of the United States. If left unmolested, Assange will become even bolder and inspire others to imitate his example.

Vader-Bild bearbeitet, Original Thomas Duchnicki

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