Wendepunkt 11. September / Djebar

Als Algerierin fällt mir in New York bei dieser spektakulären Zerstörung, die programmiert wurde wie eine Apokalypse, vor allem das Schweigen, ja die Stummheit jener neunzehn Todesritter auf (sie haben keine Forderungen: kein Programm, kein Credo, keinerlei politische Ziele), sie opfern sich selbst und reißen 4.000 bis 5.000 Menschen aus dreißig verschiedenen Nationen mit in den Tod…

[…] Aber was ist die Aussage dieser Tat, die durch ihren undifferenzierten Hass nicht mehr zu deuten ist: Sie drückt nicht einmal Solidarität aus – eine Solidarität mit den Martyrien, mit all den Dramen, die im letzten Jahrzehnt des gerade vergangenen Jahrhunderts einander gefolgt sind: bei Bosnien angefangen, über Tschetschenien, das immer noch leidet, über die unterernährten Kinder in einem Irak, der weiter unter der Herrschaft des gefährlichen Diktators steht, bis hin zum Genozid in Rwanda, wo so viele westliche Grossmächte sich als Komplizen oder durch Nichtstun schuldig gemacht haben…

Nein, nicht einmal der Schatten eines Prozesses im Namen der Entrechteten der Dritten Welt ist bei diesen Tätern zu entdecken, welche die Katastrophe vom September ausgelöst haben.

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Aus: Assia Djebar (2001): „New York, die dunkle Katastrophe.“ In: Hoffmann; Schöller (Hg.): Wendepunkt 11. September 2001. Terror, Islam und Demokratie. Köln, 2001, S. 24-25

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