Chomsky redet Klartext

Haha, ein bissiger Noam Chomsky gibt mal wieder erfrischend, unmissverständliche Interviewantworten…

Den Rest des Beitrags lesen »

…über die Finanzkrise, Europa, und den Klassenkampf:

Ein zentrales Thema von Occupy ist die globale Finanz- und Wirtschaftskrise. Wie beurteilen Sie die Antworten der USA und der EU auf die Krise?
Die US-Politik war etwas besser. Die europäische Krisenstrategie ist Selbstmord. Es ist ziemlich schwierig, die Politik der sogenannten Troika unter der Führung Deutschlands als etwas anderes als Klassenkampf zu interpretieren. EZB-Präsident Mario Draghi hat selbst gesagt, dass man den Sozialstaat loswerden will.

Draghi hat gesagt, dass die Arbeitsmärkte in vielen Ländern unfair sind. Ältere Arbeitnehmer sind gut geschützt, junge nicht. Zudem schlug er vor, den Fiskal- durch einen Wachstumspakt zu ergänzen.
Endlich redet man darüber. Europa hätte genügend Ressourcen, um die Nachfrage zu stimulieren und die Wirtschaft in Gang zu bringen. Aber eine Sparpolitik in Zeiten einer Rezession ist eine Anleitung zum Selbstmord. Sogar Studien des IWF zeigen das. Der Effekt der aktuellen Politik, und vermutlich auch die Intention, ist der Abbau des Wohlfahrtsstaates.

…über Obama und den Einfluss des Großkapitals:

Der Wahlkampf in den USA nimmt Fahrt auf. Wie beurteilen Sie die erste Amtszeit von Barack Obama?
Ich hatte nicht viel von ihm erwartet, deswegen wurde ich auch nicht enttäuscht. Als er das Amt übernahm, auf dem Gipfel der Finanzkrise, musste er ein Wirtschaftsteam zusammenstellen. Nun, wen hat er ausgewählt? Er holte die Leute, welche die Krise verursacht haben. Ein Artikel in der Wirtschaftspresse besprach damals die Zusammenstellung von Obamas Team. Der Autor kam zu dem Schluss, dass die Hälfte dieser Leute nicht in den Beraterstab gehören, sondern vor Gericht. Ein Großteil seiner Wahlkampfspenden bekam Obama 2008 aus dem Finanzsektor, der lieber ihn als McCain haben wollte. Obama hat also nur die Leute ausbezahlt, die ihn ins Amt gebracht hatten. (…)

Die Republikaner haben die Tea-Party-Bewegung…
Die Tea-Party ist keine soziale Bewegung, sondern wird massiv vom privaten Kapital unterstützt. Das ist eine Bewegung, die demografisch gesehen dem nicht unähnlich ist, was die Nazis organisiert haben. Kleinbürgertum, relativ wohlhabend, ausschließlich Weiße, die Angst vor Fremden haben, weil sie fürchten, dass die weiße Bevölkerung irgendwann in der Minderheit ist. (…)

Sie haben mal gesagt, dass man jeden US-Präsidenten seit dem Zweiten Weltkrieg aufhängen müsste, würde man die Prinzipien der Nürnberger Prozesse anwenden. Gilt das auch für Obama?
Schauen Sie sich die globale Mordkampagne der Obama-Regierung an. Damit missachtet man Prinzipien, die bis zur Magna Charta zurückreichen.

Sie meinen die unbemannten Drohnenangriffe in Ländern wie Pakistan, Jemen oder Somalia.
Wenn der Präsident der Auffassung ist, man müsste jemanden töten, dann wird der getötet – und alle anderen, die zufälligerweise um ihn herum stehen. Das ist ein Verstoß gegen die Grundlagen des anglo-amerikanischen Rechtes und das, was man die Unschuldsvermutung nennt. Man kann jemanden nur dann bestrafen, wenn er vor Gericht für schuldig befunden wurde. (…) Und die Unschuldsvermutung? Einer von Obamas Sicherheitsberatern sagte, jeder, den wir töten, ist schuldig, solange im Nachhinein nicht seine Unschuld bewiesen werden kann. All das ist der Öffentlichkeit bekannt.

…und über Hugo Chávez und die Medien:

Vor knapp drei Jahren haben Sie Venezuelas Präsident Hugo Chávez besucht. Damals lobten Sie…
Das ist doch alles Propaganda. Ich bin auf die Bitte eines Freundes nach Caracas gefahren. Ich war dort für 24 Stunden, gab ein paar Vorträge und sprach eine Weile mit Chávez. So, wie ich auch schon mit anderen politischen Führern wie Ecuadors Correa, Brasiliens Lula oder in Indien mit Indira Gandhi gesprochen habe.

Sie haben Chávez gesagt, dass Sie sehen können, wie er eine bessere Welt schafft.
Ich habe gesagt, es ist einfach, darüber zu reden, wie man eine bessere Welt schafft, aber es ist schwieriger, das umzusetzen.

Und da haben Sie sich nicht auf Chávez bezogen?
Ja, indirekt. Es gibt Dinge, die macht seine Regierung sehr gut, es gibt anderes, was sie nicht so gut macht. Ich sage das ständig. Das Treffen mit Chávez wurde sofort vom internationalen Propagandasystem aufgegriffen, dem wahrscheinlich auch die Zeitung angehört, für die Sie schreiben. Es wurde sofort zum großen Thema gemacht, weil wir alle Chávez hassen sollten.

Ich wollte eigentlich fragen…
Ich mache Ihnen persönlich keinen Vorwurf. Es ist nur so, dass jeder, der dem internationalen Propagandasystem ausgesetzt ist, sofort diesen Fall aufgreift und keinen anderen.

.

Textquelle: Tagesspiegel, 05.08.12 – Noam Chomsky: „Europas Krisenstrategie ist Selbstmord“ Bildquelle: D_S_O (Flickr)

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s